Ist die Zeit der unzeitgemäßen Klavierkonzerte gekommen? Letzte Saison war gleich zwei Mal das heftige Klavierkonzert von Reger zu hören, einmal unter Metzmacher, einmal unter Janowski. In der Philharmonie stellt jetzt das DSO das Klavierkonzert op. 39 von Busoni zur Diskussion, nachdem Pappano und Levit mit dem zumutenden Werk schon das Musikfest 2022 bereicherten.

Ferruccio Busoni, Wahl-Berliner seit 1894, schafft 1904 eine fünfteilige Konzertanlage: Zwei extrovertierte Scherzo-Sätze (Pezzo giocoso und All’Italia) rahmen ein riesenhaftes, in vier Abschnitte geteiltes Andante (Pezzo serioso). Dazu kommen zu Beginn ein von einem solenne-Thema ausgehendes Allegro und als Beschluss das in einen feierlichen Männerchor mündende Largamente über ein dänisches Aladingedicht aus der Goethezeit. Was man kaum für möglich hält: Im Saal, musiziert, live, hält das Werk, was das überladene Konzept eigentlich nicht verspricht. Von Hyperernst durchdrungen, von Schönheit gehalten bis zum Chorfinale (Herren des Rundfunkchors unheimlich beeindruckend), von Ironie durchblitzt, ist Busoni hier etwas hybrid Musikfaszinierendes gelungen.

Robin Ticciati lässt seine Regietugenden spielen. Sorgt für Weite, Genauigkeit, Abläufe. Hält die Scherzosätze frei von biedernder italianità-Folklore – etwas erinnert dennoch an Menzels spätes, wimmelndes Verona-Bild in Dresden. Dafür verblüfft der Klavierpart, dem Benjamin Grosvenor pompös bis zum Ironischen und virtuos bis zum kaum mehr Möglichen beikommt. Kann es sein, dass es in diesem einen C-Dur-Werk mehr Noten gibt als in allen ca. 30 Mozartklavierkonzerten zusammen? Dabei verbirgt sich diese absurde Bravura des Klavierspiels, die sich in gleißenden Skalen und hinreißend individualisierten Akkordpassagen äußert, oft genug hinter dem Orchesterklang. Am meisten nimmt freilich die ruhige, in einem einzigen Höhepunkt kulminierende Weitläufigkeit des zentralen Andante ein.

Das zweite interessante Stück des Abends ist Ethel Smyths Wreckers-Ouvertüre. Deren buntes Brio erinnert an Bestes von Elgar. Wobei verführerisch unklar bleibt, ob die 1906 in Leipzig uraufgeführten The Wreckers eine ernste oder komische Oper sind.

Wenig Gutes ist von der hektischen, quälend ereignislosen Rheinischen zu berichten, deren strohiger Kaum-Vibrato-Klang auch nichts besser macht. Ticciati macht den besten Mozart in Berlin und kann den besten Don Juan, aber deutsche Hochromantik?