Zwei verschiedene Besetzungen für Rossinis musikalische Komödie um die vernachlässigte, aber extrem lebenslustige Rosina in der verdienstvollen Inszenierung von Ruth Berghaus.
Im Februar singt Marina Viotti sensitiv und temperamentvoll, und der biestige Biss, den die Stimme bei cento trappole – den hundert Fallen – hat, verspricht für unerwünschte Verehrer wenig Gutes. Aber Alasdair Kent bleibt als verliebter Belcanto-Graf vokal blass, engstimmig und mit kurzer Höhe, und mit manierierten leisen Tönen beim Eheanbahnungständchen Se il mio nome. Andererseits klingt der Australier durchweg authentisch verknallt – und spielt exzellent: Kent näselt lustig, wenn er Bartolo zutextet, und näselt nicht, wenn er mit Rosina flirtet. Wunderbar. Keinen baritondröhnenen Super-Figaro, sondern einen intelligenen, fast lyrischen und sympathischen barbiere di qualità stellt Jaka Mihelač auf die Bühnenbretter, zumal mit leichter Stimme. Gefällt mir gut.
Bürgerliche Aufgeblasenheit, ausgestattet mit sprühendem Spiel und einer Sibillato-Schnelligkeit, wie sie nur Italiener können, gibt der Doktor Bartolo des Giulio Mastrototaro. Aber eben nicht nur bürgerliche Aufgeblasenheit, da ist bei Berghaus immer auch das Sub-Thema bürgerliches Selbstbewusstsein kontra adlige Willkür. Für den Basilio gibt Jongmin Park im Februar Schwärze und Volumen. Das gibt der Figur eine zwielichtige Dämonie.
Im März singen Tara Erraught und Siyabonga Maqungo Mündel und Grafen, beide funkelnd sicher in Höhe und Koloratur. Maqungo tönt im ersten Ständchen (Ecco ridente) etwas deutsch und im zweiten (Se il mio nome) traumhaft tonschön. Da kann Maqungo fast penible Genauigkeit, jeder Ton zählt, jeder Ton ist hörenswert, der Klang körperhaft fest und bei Bedarf halbstimmig feinst abgetönt. Erraught lässt die cento trappole flüssig perlen. Gespielt wurde im Februar freilich Buffo-überdrehter und funkenschlagender. Und jetzt, im März, kehrt Gyula Orendt als Figaro mehr den souveränen Strippenzieher heraus. Alexander Tsymbalyuk ist der Basilio.
Die dämlich-zudringlichen Musiker zu Beginn, die täppisch ungeschlachten Soldaten sind Berghaus-Evergreens und haben sich im jahrzehntelangen Repertoire-Betrieb alle Liebenswürdigkeit bewahrt. Ein Glanzpunkt die Berta als giftiges Dienerinnenurgestein von Adriane Queiroz. Den ewigen Loser Fiorillo spielt und singt Hanseong Yun, den dösigen Ambrosio Florian Eckhardt.
Bei Tim Fluch am Dirigentenpult tönt manches rhythmisch überdeutlich, der Haupttteil der Staatskapelle probt wahrscheinlich Maskenball mit Netrebko. Doch Fluch ist sorgfältig bei Laut und Leise, im Februar langsamer als nun im März.
Barbiere immer ein Vergnügen. Keine Note unwichtig, alles am rechten Ort, wie bei Tristan oder Lulu – wann kommt nach Wozzeck eigentlich Lulu mal wieder Unter den Linden?
Letztens in die WDR-Salome via DLF oder RBB reingehört. Es soll jeder besetzen, wie er es für gut findet, und jeder Zuhörer mit Vergnügen dabeisein, aber imho gehen Holloway als Titelheldin, Paterson als Jochanaan aufgrund wahrhaft ungenügender Artikulation einfach nicht mehr. Für Houston oder Edinburgh oder meinetwegen Met gerne, aber hier… Kann man froh sein, dass der SO-Rosenkavalier, abgesehen von Rose, Kleiter-Nolz-Hillebrand-Trekel besetzt, so toll die Sophies von N. Sierra und G. Schultz auch waren.
Von den alten Rosenkavalieraufnahmen ist mir glaub ich Szell/Wiener (live Salzburg) am liebsten mit Reining-Novotna-Güden. Bei der berühmten Kleiber/Wiener (Musikverein) sind Reining und Güden älter und Jurinac bleibt blass (an Novotnas tschechische Wärme kommt keine ran), die Haltung ist bei Kleiber nostalgisch-klassizierender. Stimmlich etwas weniger überwältigend wie Szell, aber dafür mit einigen Körnchen mehr – bayerischem – Realismus der Figurenzeichnung Knappertsbusch/München mit Schech-Töpper-Köth. della Casas Schweizer Kühle, die Stimme hat unendlichen Reiz, ist Schech und Reining mMn auf eine ganz andere Weise ebenbürtig, aber leider bleiben die Oktavians der Casa-Aufnahmen, S. Jurinac und Chr. Ludwig, trotz immenser Schönheit des Ausdrucks zu arg Geschöpfe der Opernsphäre, als dass man mitzitterte. Schwarzkopf macht zu viel Gewese – die Marie Therese ist wahrscheinlich doch kein Psychogramm aus 1000 artifiziellen Vokalgesten – und dann kommen mit Watson (Claire, nicht Linda) und Jones und Studer und Watson (Linda, nicht Claire) und Fleming die Brits bwz. Amerikanerinnen mit allen Vor- und Nachteilen.
Für Nylund hab ich immer mehr das Ohr. Fand sie oft recht kühl, siehe ihre Berliner Elisabeths oder Elsas. Kaiserin war natürlich top. Ihre Marschallin Berlin 2020 fand ich live nur halb gut, aber im Nachhören ist ihre aus der Met 2020 doch überzeugend.
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