Eine neue Tosca – neue Besetzung wohlgemerkt, nicht Produktion – an der Staatsoper Berlin, diesmal mit den Doppelpolen Kurzak und Beczała als todgeweihtem Künstlerpaar der Napoleonzeit – sie Sängerin, er pittore.

Als Cavaradossi präsentiert sich Piotr Beczała in quasi-olympischer Form. Die Tenorstimme klingt intakt und ausgeruht. Recondita armonia und È lucevan reicht der Pole impressing makellos dar. Der Ton ist schlank und fest, darüber liegt, Metall und Farbe aufregend mischend, ein Schimmer wie von Bronze. Anders als Grigolo vor 4 Wochen operiert Beczała mit viel Formsinn und Noblesse. Man hört sogar einen Hauch Heroismus. Selten kann man bei Puccini von Klassizismus sprechen, hier in der Staatsoper aber schon. Denn die spontane Gesangsgeste wird weit zurückgedrängt. Deshalb vermutlich auch das Buh im Jubel-Taifun (Taifun nach Berliner Verhältnissen, nicht nach Wiener, da hätte man sich eine Wiederholung, die ich gern gehört hätte, erklatscht) nach der Arie im 3. Akt.

Ähnlich das Spiel von Piotr Beczała, nämlich auf Nummer sicher, eine Geste hier, eine Schrittbewegung da. Kein romantischer pittore, aus dem es heraussprudelt, sondern ein arrivierter Maler mit hinreichender Staatspension. Dennoch ist Beczała ein Meister seines Fachs, wie es kaum einen gibt, und man ist sehr dankbar, ihn Unter den Linden zu hören.

Eine Überraschung ist doch die Tosca der Aleksandra Kurzak. Bei den drei, vier Top-Spitzentönen wird die Luft dünn, wie ich finde. Alles andere geht runter wie Öl. Kurzak hat cuore (Herz). Und credibilità (sie weiß, wie mans macht, und man glaubts ihr). Ihre Eifersuchtsanfälle sind kein egoismo der diva, sondern Hysterie des Herzens. Sie hat das Gefühlstempo, dessen eine Tosca bedarf. Im zweiten Akt hat der Ton Trauer über das Ende des Glücks: Vissi d’arte. Die Höhe klagt. Die Mitte bittet. Im Brustregister flammt Furor übers Verletztsein. Ihr Spiel: lyrisch-rassig. Wenn ihr Blick an dem Messer auf Scarpias Protztisch hängenbleibt, und man sieht, was in ihr vorgeht. Der Scarpias Lebenslichter ausblasende Stich dann: aus einer überfallartigen Körperdrehung heraus. Das glaubwürdigste Hinmurksen seit langem. Dann der Schrei, der Schauder. Ein Tosca-Moment nach dem anderen.

Der Scarpia von Alexey Markow klingt kantig, metallisch. So dass sich seine Bosheit hinter einer tadellos akkuraten Interpretation versteckt. Eine Stimme, die vermutlich perfekt im Streaming klingt. Aber auf der Bühne fehlen, bei unbestreitbar erstklassigem Material, Flair, Finesse.

Florian Hoffmann und Spoletta, das passt wie Deckel auf Topf. Hoffmann bietet in jedem Ton ein Idealporträt als Polizist des Kirchenstaats, vorzüglich überpräsent die helle Stimmfarbe, charakterdienlich hochgespannt das Singen. Das Team Tosca vervollständigen der schwarzstimmige Angelotti von Carles Pachon und der Mesner von Hanseong Yun, dessen hörenswerte Stimme noch kein Pendant in angemessen schauspielerischer Quirligkeit findet.

Am Pult steht der Prager Petr Popelka, den man vor vier Wochen bei den Philharmonikern hören konnte. Der erste Akt ist sehr langsam. Man kann davon halten, was man will, aber Puccinis Kolorismus klingt parfümiert, die ganze Oper so symphonisch, grad als wäre Puccini ein Komponist von Tondichtungen. Die lauten Stellen klingen aber schon sehr gut. Ab dem zweiten Akt gehts besser. Auffälligerweise kommt Kurzak blendend mit Popelkas Tempo zurecht. Beczała fremdelt ab und an, so der Eindruck. Ich fremdel auch.