Puccinis Tosca an der Staatsoper.
Reicht der schusselige Mesner Cavaradossi endlich die Farben, klingt der Tenor von Vittorio Grigolo noch steif wie ein Baustellenzaun (Recondita armonia). Dann kommt Tosca, und bei Quale occhio ist Grigolo hyperlyrisch, die Dynamik extrem sorgfältig, fast manieriert. Jede Silbe bleibt blendend verständlich, Grigolo singt mit weicher Glut, Verve und – Verhaltenheit. Der Höhepunkt ist, was in Tosca eigentlich nie passiert, È lucevan le stelle.
Ab O dolci baci ist Grigolo egal, was der Dirigent macht. Kolossales Pianissimo, dai veli fast herausgeschrien. Irres Anziehen des Tempos, superbe Gefühlstrunkenheit, trotzdem bei e muoio disperato kein einziger Schluchzer. Nahe am Maximum. Und die Stimme immer: schlank, schön, nie überbeansprucht. Kurz darauf macht er es bei O dolci mani genau so (nur Dirigent und Orchester sind näher zusammen).
Sonya Yoncheva hat einen schwachen Abend. Ja, Vissi d’arte hat Power. Aber ihr Sopran wirkt angestrengt. Man versteht sie schlecht. Auch darstellerisch läuft einiges anders. Yoncheva reicht ein Stich, um Scarpia zu den Engeln – oder doch eher in die Hölle – zu schicken. Danach checkt sie, ganz der Kontrollfreak, seine Hauptschlagader. Und für Avanti a lui tremava tutta Roma hat sie nicht theatralisches Schaudern, sondern spöttisches Glucksen. Aufregend. Dennoch, es ist nicht ihr Abend.
Als wolllüstiger Widerling Scarpia sieht Christopher Maltman aus wie ein zweiter Marlon Brando in Der Pate. Sein Bariton beeindruckt durch Kraft, klingt aber rau. Die feinen Porträts von Maestri, Tézier, Finley oder Volle erreicht Maltman nicht.
Der Spoletta von Florian Hoffmann ist ein helles Tenor-Vergnügen. Hanseong Yun gibt akustisch einen klangschönen und visuell einen linkischen Mesner. Die Staatskapelle unter Giuseppe Mentuccia leuchtet warm und sensibel. Nur die Höhepunkte tönen irgendwie trocken. Die Klarinette erhält von Grigolo den vermutlich längsten Extra-Applaus für dieses Instrument in der Geschichte der Staatsoper.
Grigolo kniet beim für Berliner Verhältnisse langen Applaus nach È lucevan vornübergebeugt, fast liegend, wie einer der Sklaven vor Turandot.
Es gibt Unter den Linden keine perfekte Tosca. Als Gheorghiu wie eine 1 sang, war Álvarez indisponiert. Als Yoncheva in absoluter Bestform war, war Calleja indisponiert. Als Calleja blendend in Form war, hatte er in Jennifer Rowley keine ebenbürtige Partnerin. Als Lise Davidsen wie eine Birgit Nilson sang, hatte sie in De Tommaso keinen ebenbürtigen Partner.

Wie auch immer, ich werd‘ mir Elbenita Kajtazi ansehn als Traviata im Februar an der Do. Wenn sie nur annähernd so gut ist wie damals in der Opera Lounge als Lucia hat es sich schon gelohnt. Damals war sie 23 und sang es (angeblich) zum ersten Mal vor Publikum. Diese Stimme hat Charakter, das ist ziemlich sicher.
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Was wäre wenn – Yoncheva einen guten Abend hätte und Grigolo (den ich noch nie live gesehn hab) auch ? Dritter Rang ?
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Als Duca neben Domingo war er schwach. Vom Gesang und der Verführungskunst.
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Eine perfekte Tosca hab ich auch noch nie gesehn. Meine Idealbesetzung :
Aragall (mitunter Spitze in Akt 1), Aragall (manchmal Spitze in Akt 3), Ingvar Wixell, und : Violeta Urmana.
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Und Yoncheva hat sich mit solchen Rollen ganz schnell die Stimme ruiniert. Traviata kann sie nicht mehr richtig gut, und nun ist sie nur noch berühmt.
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Wenn schon, dann Beczala im Februar. Ist der weitaus kultiviertere Tenor.
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