Da ist man wieder, Festival-vergnügt und Neue-Musik-bedürftig, und hofft auf krassen Input und hemmungslose Innovation. Anders ausgedrückt: auf fünf anständige Festivaltage beim Berliner Ultraschall-Festival.
Nach alter, 2014 (damals aber noch mit „Prolog“ im Berghain) etablierter Festivaltradition beginnt das Festival – die Neue Musik bedarf der Traditionen – im Haus des Rundfunks mit dem Orchesterkonzert. Also Arschbacken zusammenkneifen und rein ins Vergnügen. Das DSO startet mit einem Werk des wenig gespielten US-Amerikaners Stephen Alexander Chambers (später Talib Rasul Hakim). Im Zentrum von Visions of Ishwara stehen Steigerungswellen aus störrischen Wiederholungen rufartiger Orchestermotive (1970, 9′). Schließlich kehrt das Werk zu den frugalen Flötenlinien des Anfangs zurück. Von der Aussage her konzentriert, ja rätselhaft, besitzt Visions of Ishwara Weite. Dazu kommt die klare Dramaturgie. Was man von Lauf von Zeynep Gedizlioğlu kaum sagen kann (2022, 13′). Kritik? Das tönt bunt, spritzig, nervös Glissando-überzuckert. Und etwas sorglos zusammengebaut.
Ich höre über Deutschlandfunk.
Claudio Ambrosini (Venezianer, geboren 48) wirft Plurimo, Konzert für zwei Klaviere, in den Ring (2007, dtEA, 20′). Das Stück ist gut. Der Sinn für transparente Textur, in der Farbe und Linie ihren Eigenwert bewahren, wirkt italienisch. Eindrucksvoll die Verwandlungsfähigkeit des Stücks. Höhepunkte liegen bei 5:40, 8:30 und wieder 16:40. Der Antagonismus von Solisten und Orchester wird im Hexenkessel des Schlusses pulverisiert. Andreas Grau und Götz Schumacher behaupten sich auch im Virtuosen. Zuletzt von Hermann Keller (1945-2018, geboren in Zeitz, gestorben in Berlin) Verwandlungen (1976, 20′), die UA einer in den 1970ern verschollenen, jüngst in Räumlichkeiten der Komischen Oper aufgetauchten Partitur. Das Werk ist eine Überraschung, ordnet sich in die große Musik der 70er ein und ist in seiner unaufgeregten Zwanzigminütigkeit keine Sekunde zu lang. Der Gestus? Zwischen Friemeln und eruptiv, und himmelweit weg von Dekoteller „Berlin Hauptstadt der DDR“. Der Schluss wirkt in seinem Epilog-Charakter hintersinnig-mehrdeutig inszeniert. Interessant aus heutiger Sicht die demonstrative Viertel- bzw. Achteltönigkeit.
Am Pult agiert Marc Albrecht, jüngst geschätzt aufgrund der Hauptstadt-Dirigate von Schatzgräber, Heliane und Florentinischer Tragödie, gewohnt verlässlich. Ebenso das Deutsche Symphonie-Orchester.
Weitere Berichte zum Ultraschall-Festival 2026 hier, sobald verfügbar: „“.
Diese Ultraschall-Berlin-Kritik wird in den nächsten Tagen nach und nach ergänzt.