Christian Thielemann dirigiert den 100-Jahre-Wozzeck am Ort der Uraufführung. Die Besetzung ist gut bis astrein. Die Inszenierung von Andrea Breth – Premiere war 2011 im Schillertheater – antwortet auf die Kürze von Bergs dreiaktiger Meister-Oper mit präziser Kargheit.

Die schwarz-leere Bühne wird gefüllt von einem tristen Stahlgerüst auf Sechseckgrundriss (Martin Zehetgruber). Dessen Inneres, ein Gitterverschlag, dient sowohl als freies Feld der Stöcke-Schneiden-Szene (bei Frei ersetzt durch das Abbalgen von Hasen – blutige Hommage an Liebermanns Berliner Gänserupferinnen?) wie als Mariens Stube. Schnörkellos und treffend die Kostüme: vage Jetztzeit, auch wenn Mariens beblümtes Kleid Richtung retro geht (Silke Willrett, Marc Weeger). Nur die Wirtshausszene reißt nach unten aus. Hier wird Ekel-Potenzial abgeschöpft: Kotzeimer, brillenloses Standklo. Doch Breth inszeniert so sparsam wie möglich, so scharf wie nötig. Zeitlosigkeit, aber nicht abgehoben, sondern nur illusionslos. Immer noch sehenswert.

Fotos: Stephan Rabold / staatsoper-berlin.de

Gut die Sänger.

Simon Keenlyside gibt einen soliden Titelhelden, ganz ohne Larmoyanz, erreicht aber kaum Roman Trekel vom Schillertheater. Anja Kampe hat als Marie, was man dramatische Wahrhaftigkeit nennt. Die stützt sich auf Rollen-Intensität und wundervolle Präzision des Singens. Kampe ist wozzeckwundervoll.

Der Tambourmajor (Andreas Schager) ist in der Tat ein Mann wie ein Stamm. Das muskelpralle Drüberzieh-Leibchen ist Geschmackssache, die Tenorkraft Schagers kaum. Dieser Major ist derbvital, doch nicht böse-sadistisch, Schagers Wortverständlichkeit ist piccobello. Astrein. Blasser der Hauptmann von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke sowie der Doktor von Stephen Milling.

Präsent bis zum Anschlag das Jägerlied des Andres (Florian Hoffmann hervorragend: Unbekümmertheit und Angst). Die Margret der Anna Kissjudit ausgezeichnet in der Militärmarsch-Szene, etwas überzeichnet in der Wirtshausszene. Ich meine immer ihr Singen. Die Handwerksburschen sind Friedrich Hamel und Dionysios Avgerinos, als Narr gibt Stephan Rügamer Gutes.

Christian Thielemann leitet wie aus einem Guss, seziert den Expressionismus des Wozzeck nicht. Überhöht vielmehr das Bühnengeschehen durch Alban Bergs Musik, bekommt es hin, dass nicht das Orchester auf die Bühne reagiert, sondern dass das Drama immer wieder zurück in die Musik geholt wird. Intensiv leuchtend die bis ins Symphonische gespannten Zwischenspiele, erstaunlich die Mahler-Nachfolge des allerletzten.

Uraufführung Wozzeck Unter den Linden Dezember 1925: vermutlich die stabilste Phase der Weimarer Republik, die Republikfeinde KPD und Völkischer Block (inkl. NSDAP) kommen im Dezember 1924 auf 9% bzw. 3%. Es dirigierte Erich Kleiber. Von der Uraufführungsbesetzung sagt einem allenfalls Wagnertenor Fritz Soot etwas.