Gelungene Premiere an der Deutschen Oper in Berlin. Die Oper Fedora (UA 1898) wird fabelhaft gesungen und kühlwasserklar inszeniert.
Umberto Giordanos melodramma handelt von Liebe und Rache, Hass und Eifersucht in der Belle Époque. Handlungsorte sind St. Petersburg, Paris und die Schweiz. Regisseur Christopher Loy setzt die Russen-Jetset-Tragödie – sie ist Fürstin Romasoff, er ist Graf Ipanoff – in ein als stilvolle Einheitsbühne dienendes Riesenzimmer mit Brokattapete und vergoldeten Türrahmen (Bühne Herbert Murauer). Loy inszeniert das poetisch, aber runtergekühlt. Zwei Polsterstühle, ein Tischchen. Im Hintergrund Europaletten als Stufen zum hinteren Bühnenraum. Das muss reichen. Aber es wird warm ausgeleuchtet (Licht Olaf Winter).

Sie, die Fürstin, ist gehüllt in Trauerschwarz oder in loderndes Rot (Vida Miknevičiūtė mit charakteristischem Timbre und durchdringender Intensität), er, der Graf, trägt teuren Anzug (Jonathan Tetelman zum Schluss tenortraumhaft). Sie ist Spionin, er ist exiliert. Er hat ihren Verlobten erschossen. Sie hat seine Familie dem russischen Geheimdienst ausgeliefert. Kaum zu glauben, aber es gibt sympathischere Opernschicksalspaare.
Regisseur Loy zügelt die Reißer-Qualitäten von Fedora, deren Welterfolgsgeschichte einst mit der Bellincioni und Caruso begann. Man sieht ästhetisch stimmige Bilder und schöne, in sich verschlossene, aber irrational handelnde Menschen. Clean wird das Drama entrollt. Chor- und Salonszenen werden Gemälde-gleich in den Hintergrund gelegt. Dazwischen nerven mal wieder Video-Close-ups, diesmal im güldenen Prunkrahmen (Velourfilm AB). Vida Miknevičiūtė (zuletzt Seidenkleidchen, Pelz, Riemchenpumps) steigert sich vom Racheschwur an und läuft vorm Sterbemonolog zu Hochform auf. Jonathan Tetelman singt Amor ti vieta sehr kontrolliert, emotional aber frugal. Ganz verstehe ich nicht, was das Programmheft mit exterritorialer Gefühlsemanation meint.
Das Lob der russischen Frau, die Canzonetta russa, gesungen vom de Siriex des Navasard Hakobyan, kontert die Gräfin (Julia Musitschenko) mit der Canzonetta francese, dem Lob des parfümierten Pariser Mannes. Als Bühnencharakter und Bass überzeugt der Polizist Gretch des Tobias Kehrer vollauf. Bestens, auch vokal, gefällt der quicke Page der Arianna Manganello. Der Diener ist Matthew Peña.

Verzichtbar der Edelschmalz des Lieds des Hüterbubs am Beginn des 3. Akts. Es gibt eine fade Stelle in Tosca: den pastore am Beginn des 3. Akts. Es gibt eine fade Stelle in Tannhäuser: den jungen Hirten in der dritten Szene im 1. Akt.
Bei Bohème ist der Stoff ungleich moderner, bei Tosca ungleich knackiger.
John Fiore sorgt im Graben für lyrisch durchpulste Wärme und erzählerische Detailfreude. Beides tut der Kühle von Loys Inszenierung (zuvor schon in Stockholm und Frankfurt) gut. Besonders schön immer wieder die lebhaften Streicher. Wobei Fiore kein Dirigent der Blutwallungen ist. Aber der Walzer zum 2. Akt rauscht mittels geschmeidigem Blech prachtvoll auf. Fiore war einer, den man sich als Runnicles-Nachfolger durchaus vorstellen konnte.
Premierenkritik auf RBB: „Emotionale Dreckecke“ (Kai Luehrs-Kaiser)

