Uwaga! Achtung, die Polinnen kommen. Zwischen Netrebko Unter den Linden vorgestern und Thielemann Staatskapelle übermorgen spielt das RSB im Konzerthaus.
Die erste Polin ist Grażyna Bacewicz (1909-1969). Ihre Ouvertüre von 1945 hat Schmiss, sechs Minuten kurz ist das, und es fängt an wie Die verkaufte Braut und hört auf wie Elektra. Die andere Polin ist die Dirigentin Marta Gardolińska, die sich energisch und empathiebereit an der Arbeit zeigt und beim 1. Violinkonzert op 35 von Szymanowski ganz klar ausschaut, als kennte sie das Stück aus- und inwendig. Während das Szymanowskikonzert so frisch und glühend wirkt, als wär die Uraufführung 1922 erst ein paar Wochen her.

Das Werk ist einfach haarsträubend unübersichtlich, obwohl ein Scherzoso sowie kurze Vogelgezwitscherpassagen vage formbildend wiederholt auftauchen. Und obwohl irgendwie zwei „richtige“ Themen auszumachen sind. Das erste (schwärmerisch entschlossen absteigend), dessen Tutti-berstende Wiederkehr (zwei Mal!) sogar eine Reprise andeuten könnte, das zweite aus inständig repetierten Tönen. Szymanowskis opus 35 dürfte über die letzten zwei Jahrzehnte gesehen zu den Handvoll Werken der Moderne zählen, die Eingang in den innersten Zirkel der Repertoirewürdigkeit fanden.
Bomsori Kim spielt das mit feinem, nervös funkelndem Ton, betont das lyrische Ausspinnen mehr als das dunkle Ausströmen. Das Temperament bleibt im Handschuhfach. Die Zugabe ist Polish Caprice von Grażyna Bacewicz. Danke! Endlich eine, die sich nach der Konzert-Pflicht eine Virtuosen-Kür traut. Ja, der Interpretations-Goldstandard bei diesem Konzert dürfte immer noch Wiłkomirska sein, trotz Zimmermann.

Dann das Dur-A-Adagio der knausrig selten gespielten 3. Sinfonie von Mendelssohn. Hier findet das RSB mit Marta Gardolińska ein Tempo, einen ganz in Ruhe sich breitenden, schattenschweren, aber plötzlich auch wieder selig leichten Orchesterstrom. Da spielen die ersten Geigen das Thema über Streicherpizzicati, und dann bei der Reprise übernehmen Hörner und Celli das Thema über (oder unter) den wiegenden Violinsextolen. Da ist man plötzlich auf einer Reinheitsebene. Das ist Gardolińskas Stärke. In den Ecksätzen dann: Deutlichkeit bis zur Handfestigkeit. Rauh, aber richtig. Ohne makellose Surface (oder Fehlerfreiheit) anzustreben.