Als was wird der KI-Ring in die Festivalgeschichte eingehen? Heute also in Bayreuth Die Walküre. Man kann sich nur wiederholen, die Kostüme (Pia Maria Mackert) wie aus der Zoo-Abteilung vom Karstadt, irgendwo zwischen lustig und vernachlässigbar. Und wie gestern fragt man entgeistert, wtf, ist KI echt so langweilig?

Ja, Klaus Florian Vogt. Der macht das gut. Man hört anfangs die Anstrengung vom Vortag. Wie Vogt sich um plastisches Deklamieren bemüht, wirkt fast komisch, insbesondere wenn er mehr redet als singt (der Feinde wuchsen ihm viel). Hinzu kommen ein hartes Legato und brüchige Wälserufe. Das ist alles nicht ideal. Andererseits ist der Gewinn an Genauigkeit des Singens immens. Wehwalt-Erzählung und Winterstürme wirken plötzlich wie neu. Hier hat einer den Ton für die Wälsungenliebe, für die Utopie der Todverkündigung. Hat das einer seit Peter Seiffert derart „richtig“ gesungen? Ganz eigentümlich gelungen scheint mir auch die Sieglinde-Siegmund-Szene im zweiten Aufzug. Muss man Vogt wirklich in extremer Belastung vier Mal hintereinander singen lassen?

Die Sieglinde von Elza van den Heever kann mit Vogts Klasse nicht mithalten. Heevers Sopran sind Schärfe und Säure nicht fremd, und je höher und lauter sie singt, desto besser klingt sie. Bisweilen ungenießbares Deutsch: Doch weiter künde, Fremder und Feige nur fürchten den. Man braucht eine Weile, bis man Zugang zu ihrer Interpretation hat. Beim Hunding von Mika Kares evoziert die schiere Größe der Stimme die übermenschliche Größe dieses germanischen Raubeins. Ja, eindrucksvoll. Den Mangel an zupackendem Ausdruck wird Kares mit der Zeit durch mehr Details, mehr Erfahrung beseitigen.

Ich höre erneut über BR Klassik.

Der den Götterladen nicht zusammenhält: Michael Volle ist ein Göttervater, der grandios – im Tochter-Talk mit Brünnhilde – mit der eigenen Ohnmacht hadert. Diese Nuancen aus den Riesen-Monologen herausholen, das ist großes Singen: diese Larmoyanz, diesen zerknirschten Daseins-Ekel, diese gramvoll gebeugte Göttergröße. Freilich hat Volle auch das Metall für die Höhepunkte. Leb wohl, du kühnes und Der Augen leuchtendes nimmt Volle dafür zurück.

Die Walküre Premiere Bayreuth 2026 Christian Thielemann
Bild: Enrico Nawrath / bayreuther-festspiele.de

Camilla Nylunds Brünnhilde ist keine wilde Amazone aus Fleisch und Blut. Sondern eher eine Hera aus Marmor. Die Hojotoho-Rufe imponieren vokal, geraten aber enttäuschend unspontan. Man tut sich schwer mit der Kritik. Besser passt ihre Stimme zur Todverkündigung, grad weil der Sopran eher statuarisch wirkt. Noch besser ist Nylund im dritten Aufzug, wo sie genügend Kraftreserven hat und eine alles in allem großartige Brünnhilde singt.

Die Walküren-Fricka liegt Anna Kissjudit mehr als die gestrige Rheingold-Fricka. Da ist viel Alt im Mezzo oder viel Mezzo im Alt. Eine 1000-PS-Stimme, mit der Fricka mit full speed in den Ehestreit crasht. Das ist schon aller Wagner-Ehren wert. Unverständliches fällt heute angesichts der schieren Energie der Darstellung weniger ins Gewicht als gestern bei Rheingold.

Die Walküren. Gerhilde singt Martina Welschenbach, Waltraute Karis Tucker. Um Rossweisse kümmert sich Natalia Skrycka, Brit-Tone Müllertz ist Ortlinde. Freya Apffelstaedt (!) verkörpert Schwertleite, Magdalena Hinterdobler Helmwige. Die Siegrune kommt von Alexandra Ionis, die Grimgerde von Marie Henriette Reinhold.

Zum beachtlichen, stets sängerdienlichen, klanglich feinst zubereiteten Dirigat von Christian Thielemann am Pult des Bayreuther Festspielorchesters übermorgen bei Siegfried mehr.

Hier auf BR Klassik nachhören!


Weitere Kritik zur Bayreuther Walküre: „Was einfach das große Problem ist“ (der verlässliche Markus Thiel auf YT)