Das Rheingold gibts oft in Berlin, auch wenn hier nur die Panke fließt. Jetzt auch mit Petrenko und den Berliner Philharmonikern.

Das Orchester: fokussiert die Knallpunkte, makellos herrlich die Details. Das Vorspiel atmet reinen Es-Dur-Wasserstoff. Der erwachende Wotan lagert auf den Posaunen des Walhallmotivs wie auf einer wunderbar weichen Testsieger-Kaltschaummatratze. Die Leitmotive? Von den Philharmonikern wie von Echtzeit-KI in den Saal gerendert. Blendend die Musik zur Fahrt nach Nibelheim. Funkelnd das Tempo zum Nibelheim-Talk zwischen Alberich, Loge und Wotan. Es ist die unglaubliche Perfektion der konzertanten Aufführung.

Der Wotan von Christian Gerhaher ist eher Raisonneur als Macht-Type, eher Lars Eidinger als Michael Volle, mehr Schaubühne als Walhalla. Gerhahers Pathos (Vollendet das ewige Werk, Abendlich strahlt) hat was von Karikatur, die Höhe meckernd (die „e“s), die Tiefe markiert. Fischer-Dieskau wirkte auf der Opernbühne manchmal ähnlich. Ein Wotan wie ein Loge. Auf seine Art ist Gerhaher dennoch einzigartig. Toll Sachen wie Geheimnis-hehr hallt mir dein Wort.

Brillant, aber immer irgendwie neutral die Rheingold-Leistungen der anderen. Alle sind Könner. Leidenschaften, Wort-Battles, die bis aufs (Theater-)Blut gehen? Plutôt pas.

Der Brite Leigh Melrose ist ein Alberich mit unbeholfener Artikulation und gaumiger Höhe („oh Schmääärz, oh Schmääärz“), als Nibelungenfürst zeigt Melrose den versatilten Eifer des Neureichen, bleibt beim Fluch ohne viel Dämonie. Vom US-Amerikaner Brenton Ryan kommt der textverständliche, vorbildlich agile, aber ziemlich neutral klingende Loge. Bei An mir ja kargte Freia von je hat man langsam genug. Ebenso textklar Thomas Cilluffo als Mime, Timbre-stark und eigenwillig kantabel. Auch wenn alles einen Ticken zu gut gelernt schallt.

Gar nicht so schlecht die Schottin Catriona Morison als Fricka. Krass schön Wo weilst du, Wotan? oder Wotan, Gemahl, unsel’ger Mann. Den Nuancen einer Mahnke oder Chr. Mayer kommt Morison nicht nah. Kritikwürdig auch die beiden Riesen. Der Chinese Le Bu Fasolt hüllt Wagners Text in viel Volumen („Woibes Wonne zum Pfand“). Da berührt die Klage um den Verlust Freias kaum. Noch breiter der Fafner des Patrick Guetti, der kaum Vokalfarbe hat, stattdessen wolkig-wolligen Klang und vernuschelte „s“.

OK die überbrillante Freia der Estin Mirjam Mesak. Ebenso die Leistung der US-Amerikanerin Jasmin White als Erda. Gihoon Kim schlecht mit Heda, hedo (Donner), Thomas Atkins nicht besser mit Zur Brücke führt (Froh). Das Rheintöchtertrio agiert allzu sangesfroh: gut gelaunte Moms, die Let’s dance gucken und nebenbei mit dem Gedanken spielen, den Hausfreund zu vernaschen (Mezzo Yajie Zhang, Alt Jess Dandy, Sopran die Belgierin Louise Foor).

Die Stelle, wo Wotan Alberich den Ring entreißt, ist wohl die erste Schilderung 100% realer, 1:1 in Musik gesetzter purer körperlicher Gewalt.

Die Philharmoniker-Rheingold-Kritik? Etwas von Trockenübung hat so ein konzertantes Rheingold ja immer, zumal mit den Philharmonikern. Für Berliner Operngeher sind die Sänger wahrscheinlich doch Mittelmaß, à l’exception de Gerhaher. Mythos, null Komma nichts.