Thielemann ist bei Rosenkavalier angekommen. Premiere war unter Mehta, dann dirigierte Mallwitz, zuletzt Kober.

Zu den Festtagen gibts Blumen im Foyer und Teppich auf dem Trottoir. Es singen Kleiter, Nolz, Hillebrand, Trekel, der Ochs ist Peter Rose.

Sängerisch lassen die drei Frauen kaum Wünsche offen. Drei klare, genau geführte, von feinem Klang bestimmte Stimmen. Niemand markiert oder machts pauschal. Es wird vokalgenau und vibratofein bis in den Silbenklang gesungen. Die Fürstin der Julia Kleiter wirkt verletzlicher, einsamer als vor Jahr und Tag die – bayerisch – handfestere Damrau. Federleicht der Monolog, Klang gewordene innere Entwicklung Die Zeit, die ist ein sonderbar. Die sich ganz natürlich bewegende Stimme oben und unten komplett. Große Momente: Allein, man muss sich auch vor ihr nicht fürchten. Im Terzett sticht Da steht der Bub weniger als sonst heraus. Kleiters Spiel derzeit konkurrenzlos, oder?

Der Rofrano von Patricia Nolz tönt nicht so dunkel wie der von Emily d’Angelo, aber mit besserem Gespür für den richtigen Wort-Klang, nicht so hinreißend dramatisch wie der von Prudenskaja, aber Nolz hat die Konzentration und den Ausdruck, um den utopischen Schluss glaubhaft zu machen. Als Gesamtporträt vielleicht der beste Oktavian seit einiger Zeit, trotz neutralem Spiel. Sophie ist Nikola Hillebrand. Vokal ist das tadellos – wie himmlische, nicht irdische. Aber auch hier: Hillebrand spielt ohne die patzige Brillanz einer Nadine Sierra. Das sagt sich leicht hat nicht den Ton, der trotz Klosterschule Lebenskenntnis verrät. Überzeugend die Frische und Eloquenz des Vortrags. Und auch hier: als Gesamtporträt vielleicht fast die überzeugendste Sophie in letzter Zeit. Es mag im einzelnen klangsuggestivere Interpretinnen geben, aber in der sängerisch-interpretatorischen Summe ist dies Trio schon Oberkante.

Peter Rose ist lerchenauischer Landadel, der trippelt, nicht poltert, und erstaunlich wortverständlich agiert. Darstellerisch liefert er, was man erwartet, und immer mit Pfiff. Roses Wienern ist gute Routine. Stimmlich trumpft er nicht auf. Kritik? Man vermisst halt die bedrohliche – originalösterreichische? – Dominanz des Sängers und Darstellers Groissböck.

Von Roman Trekel kommt das bravourös pointierte und hell-nervöse Porträt des Neureichen Faninal, dessen soziales Upcycling-Projekt durch Stursinn der Alleinerbin in bedenkliche Schieflage gerät.

Alles bereit, zweiter Aufzug, sehr lebhaft.

Die ganzen Sänger hinter den prime donne und primi uomini sind eigentlich fabelhaft besetzt. Christa Mayer als sonor den Ochs umschnurrende Annina (Herr Kavalier). Daniela Köhler als patent präsente Marianne. Friedrich Hamel als energischer, weder autoritär (gegen die Beisl-Gäste), noch servil (gegen die Marschallin) überzeichneter Vorstadts-Unterkommissarius. Florian Hoffmann als liebevoll beflissener Haushofmeister im ersten Akt, Stephan Rügamer als Haushofmeister bei Faninals (auch der Wirt, dann mit feschem Haar). Karl-Michael Ebner wort-flink als Valzacchi. Jaka Mihelač, letztens noch als Buffo-leichten Barbier gehört, als humpelnder Notar. Stimm-prall die Modistin von Sonja Herranen. Wenn A. Schager im Heldenfach so über alle dynamischen Grade Brust- und Kopfregister mischen könnte wie Andrés Moreno García im lyrischen… (Sänger).

Christian Thielemann und die Staatskapelle. Mit am besten immer wieder diese sotto-voce-Streicher-Bläser-Gewebe unterm verblüffend wortverständlichen Singen. Das wird von Thielemann und Kapelle traumhaft sicher vors Ohr gebracht, was Agogik und Zusammenhang angeht. Es klingt dann, als phrasierten die Musiker ganz für sich – als gäb es so was wie Dirigenten gar nicht. Ein ganz eindrucksvolles Sänger-Begleiten. Weitere Pluspunkte sind die Streicherbögen von unglaublicher Wärme und die Plastizität der – oft tonmalerischen – Holzbläser, fast körperlich greifbar die Flöten vor der Arie. Wenn es Kritik gäbe, dann dies: Einiges, etwa bei den Turbulenzen des zweiten Akts, sagte mir bei Joana Mallwitz – ihr dramatisch präzises Feuer – mehr zu. Bezeichnend für Thielemann die lange, vom Atem der Aufführung ganz gefüllte Pause, worauf, nach Oktavians allerletztem Marie Theres und der Trompete, das Terzett beginnt.

Die Überraschung ist, dass der So-ein-Zuzug-von-jungen-Mägden– und das-Frauenzimmer-hat-gar-vielerlei-Arten-Passus komplett ausgelassen wird, wo Groissböck unter Mallwitz alles in Grund und Boden sang.

André Hellers die Hofmannsthalschen Inhalte in klare Bilder fassende Inszenierung wurde andernorts schon gelobt.

Gerne den nächsten Rosenkavalier zwecks klärendem, bereicherndem Vergleich wieder mit Damrau-Prudenskaja besetzen, dann doch wieder mit Kleiter-Nolz, plus Hillebrand-Trekel.