Schönes Konzert bis zur Pause.
Zu Beginn Cortège et Litanie aus Marcel Duprés op. 19, wo sich Streicher und Orgel fantastisch verzahnen. Das Stück ist kurz und großartig. Jan Liebermann (Orgel) spielt den Solopart.
Dann das Dvořákviolinkonzert. Über zehn Jahre ist es her, dass die absagende Hilary Hahn hier bei den Philharmonikern spielte. Dauert es weitere zehn, bis sie kommt? Nelsons zelebriert bei den Philharmonikern seinen Stil: wuchtige Streicher ohne jede Drastik, grundanständige, stets eingebundene Akzente, solide Tutti ohne jede Äußerlichkeit. Herrlich.
Der einigermaßen junge US-Geiger – 36 Jahre – Benjamin Beilman hinterlässt allerdings einen zwiespältigen Eindruck. Technisch spielt er astrein, der Ton ist supersauber, die Intonation makellos. Und Beilman kann das sicherlich auch schneller als in dem von Nelsons‘ Unaufgeregtheit vorgegebenen Tempo.
So klingt der Solist in op. 53 a-Moll: hastig im Crescendo, hektisch in den Doppelgriffpassagen, harmlos im Lyrischen. Zaghaft verzagt tönt das dolce-Thema in C, das in der kurzen Reprise einfach nicht mehr auftaucht, blass, ja uninteressant die direkt folgende, zweite, ausgezierte Themenvariante. Dafür werden Akzente über-markant inszeniert. Im Adagio bewundert man Stil, Geschmack und butterweiches, hochkultiviertes Phrasieren und vermisst doch die Aussage. Im Finale spult Beilman die Figuration erschreckend beflissen ab. Der beherzt, doch wunderbar flexibel zugreifende Andris Nelsons und die Berliner Philharmoniker bieten dem Solisten eine Einladung zum Beef nach der anderen, aber vergebens. Hätten das die Herren Ex-Konzertmeister Braunstein oder Stabrawa nicht gehaltvoller gespielt?
Viel Applaus und Standing Ovations.
Der Rezensent hat gerade keinen Sinn für russische Musik. Die Symphonie des heutigen Konzertabends steht laut Programmheft für „Freiheit, Wahrheit, Menschlichkeit“. Na, wenn’s so ist. Man könnte nach der fünften Verletzung von litauischem Luftraum durch Russland oder nach einem wiederholten russischen Anschlag auf die polnische Bahn auch fünf Minuten lang St. Petersburg bombardieren.
Heute Abend nochmal in der Digital Concert Hall.
Und noch mal ein Link zur Concert Hall. Die beiden Dvorak-Konzerte mit Anne-Sophie Mutter und Philharmonikern in den 2010ern waren doch der Maßstab. Das mit Rattle habe ich noch besser in Erinnerung, aber nur das unter Hohneck, das auch als Einspielung vorliegt, ist auch in der DCH verfügbar.
https://www.digitalconcerthall.com/de/concert/3425
Freu mich bspw mit Blick auf Anfang Januar auch, dass man das Bergkonzert mit Skride und Nelsons, das mir live nicht recht gefiel, in der Hall nachhören kann und jetzt absolute Lieblingsaufnahme ist.
Da ist es im Gegenzug nur schade, dass DLF und der vermutlich vollauf mit dem Bezahlen von Ehrenpensionen und Ruhegeldern für die akademische Elite des Landes beschäftigte RBB ihre Konzertmediatheken weitgehend aufgelöst haben. Die streckenweise peinliche ARD-Mediathek wird – Quer-Check durch alle Beethovenaufnahmen – offenbar ausschließlich von WDR, BR, SWR, NDR und HR befüllt.
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