Es ist ein Festival der großen Konzeptunterschiede. Bei den Tagen für neue Kammermusik in Witten an der Ruhr stehen Performance- bzw. Impro-Formate von Kreidler, Glojnarić, Tarozzi oder Samawatie im Fokus. Daneben kommen aber auch die „traditionelleren“ Neue-Musik-Styles, wie sie Kishino, Tsao oder Holliger repräsentieren, zum verdienten Zug. Porträtkomponistin ist die kanadische Komponistin Cassandra Miller.

Ich höre über WDR3.

Freitag: Musikfabrik, Ensemble Modern Akademie, Silvia Tarozzi

Das Konzert der Musikfabrik – Motto „Filter“ – versammelt einige Trendsetter der jüngsten Generation. Es tendiert zur hedonistischen Collage, immer fast, immer furious, und meist multiperspektivisch angelegt. Los geht’s mit Scrunchy Touch Sweetly to Fall von Alex Paxton, das klingt super überdreht, immer gut gelaunt, très minimal-music, verstörend nur das infantil enthemmte Aussingen sowie eingestreute Frauenschreie (2023). Das ist witzig und aberwitzig. Ohne rechten Ort bleibt von Lucia Kilger die mild funkelnde UA shavryon (2025), wenn das Ganze auch Ensemble-musikalisch fein abgestimmt wird, hier noisiges Chillen, dort Elektro-Feinripp. Clemens K. Thomas macht in take me to Funkytown Gräueltaten mexikanischer Asshole-Krimineller ästhetisch konsumierbar (2025). Ehrlich, das ist widerlich. Mehr Musikgewinn verspricht Jessie Marino mit no salt auf der Grundlage von Bartóks Violinduo Nr. 23. Per Verlangsamung und Massierung entsteht ein Musikstrom, statisch-träge, aber durchaus geheimnisvoll (2025). Terminally online aliens von Nicolas Berge – auch dies ein Knapp-15-Minutenstück – holt den Holzhammer raus und endet als wilde Sampling-Orgie. Klar ist das absolutely terrific, aber auch etwas öde. Geschmacksache ist und bleibt das einhausende Framen des gesamten Konzerts durch einen kontinuierlichen Sound-Teppich. Friederike Scheunchen leitet das Kölner Ensemble Musikfabrik.

Mindestens ebenso interessant ist da das Uraufführungen-Konzert junger Komponierkräfte, genannt Atelier 25, gespielt von der IEMA. Es sind Fünf- bis Zehn-Minuten-Stücke, fast alle aus diesem Jahr, alle sind geprägt von lockerem Ausprobieren. In diesem Sinn dominieren cool entspannte Abläufe, so in Change of Discourse von Kurt Egemen (2021) oder im Jazz-schattierten In(ner) Our Peace der Südkoreanerin Harin Choi. Farblich reicher und mit gutem Ohr für das Verhältnis von Einzelaktion und Overall-Struktur erklingt Wunderland von Jiaying He. Diffuser wirken von Farhad Ilagi Hosseini dessen Unraumreflexionen. Dahingegen schafft Omer Barash mit Portrait/Paysage, Erinnerungen an Spaziergänge in Israel, eine gestisch lebhafte Musik, die unbekümmert erzählfreudig wirkt und durch primäre rhythmische Energie überzeugt. Beniamino Fiorino Underwater Music # (2023) arbeitet spielerisch mit Unschärfen. Für Stuff #2 (I-VI) von Hanurij Lee bleibt keine Sendezeit. Wenn der Komponist eine Aufnahme schickt, bespreche ich gerne nach.

Zwiespältig dann das Konzert mit der italienischen Geigerin Silvia Tarozzi. Zuerst von Pascale Criton Circle Process (2012). Mikrotonale Verfahren scheinen unverändert ergiebig, wenn es um Stück-tragende Mikrostrukturen geht. Hörbar ist aber auch, wie der fortdauernd improvisatorische Gestus Konsistenz und Tragkraft der Werke mindert. Dies gilt noch stärker für Thirteen Changes von Pauline Oliveros (1986), dessen miniräumig nervöse Streicherfigurationen nicht vom Fleck kommen. Ohnehin wirkt die plötzlich anhebende Frauenstimme mehr gut gemeint als gut komponiert.

Samstag: Sara Glojnarić, OMG Ming Tsao, Holliger, Trickster Orchestra

Noch höher auf der Zwiespältigkeitsskala rangiert dann am Samstag Songs for the End of the World der berühmten Sara Glojnarić. Alle im Saal haben Kopfhörer auf. Die Form lautet Podcastkonzert. Sarah Maria Sun talkt, der WDR moderiert („verspielt, humorvoll“). Es dreht sich irgendwie um die Titanic, ist alles super cosy, aber das Ganze hat deutlichen Trottelfaktor. Hätten sie in Witten mal eines der Sugarcoating-Werke gespielt.

Aber, OMG, der Abend ist noch lang, und es kommt Ming Tsao. Plus or Minus für zwei Klaviere (plus Elektronik, wie heuer fast die Regel ist) wurde 2017–18 komponiert, ist eine Neufassung eines älteren, gleichfalls in Witten erstaufgeführten Werks (26. 4. 2013, Ascolta, Kalitzke). Den Bezug auf Stockhausen hören vermutlich nur promovierte Stockhausenologen. Vielleicht ist es das beste Stück des Festivals, was auch ein Verdienst des Klavierduos GrauSchumacher sein könnte. Das 53-minütige Werk übertrifft alle anderen in Witten gehörten an Komplexität, Grad der Durcharbeitung und vermutlich auch Komponierkönnen. Einerseits präsentiert sich Plus or Minus von abweisender Eigengesetzlichkeit, andererseits bietet es eine entwaffnende Klarheit der Stimmschichtung. An der Ausführung beteiligt: das SWR Experimentalstudio.

In eine andere Richtung geht der Brite Michael Finnissy in einem apart kontrastreichen Konzert, das in der Wittener Johanniskirche stattfindet. Von Finnissy sind die Vokalwerke Videtis enim interiorem, Doce me facere und Iam mea certa manent zu hören. Deren strenges Blühen dürfte etwas für den erworbenen Geschmack sein, doch das Ensemble Exaudi bringt die fragilen Reize gewinnbringend zu Gehör. Leitung James Weeks. Es folgt Heinz Holligers Duo III für Geige und Cello, der Gestus ist fast altmeisterlich (2022). Schärfe, Struktur, Punch sprechen für das Werk. Gringolts und Altstaedt interpretieren hervorragend. Nach Holliger ist vor Rihm. Gespielt werden aus Rihms Musik für drei Streicher von 1977 Satz I und II. Man ist immer noch hinlänglich fasziniert von der Haptik ihrer Gestik („fff, stärkster Druck„) samt Mega-Peaks und Vibrato-Nonvibrato-Kontrasten (Gringolts, Altstaedt, Lawrence Power). Zuletzt Cassandra Miller The Years, Interpreten sind nochmals Gringolts, Altstaedt, Power und Exaudi. Der Text bleibt unverständlich, doch die weich schlingernden Streicher- und Stimmlinien fixieren feine Bezüge im Musikkontinuum. Der Abfall folgt bei den Textsprechpassagen. Das ist dann jener Neue-Vocalsolisten-Stil, den man von Neue-Musik-Festivals zu Genüge kennt. Der Schluss kehrt zu komplizierter organisierten Strukturen zurück.

Wenig packend schließlich das Trickster Orchestra mit einem Konzert, das auch zwei Werke der Orchesterleiter bringt. Die Kompositionen erklingen ohne erkennbare Stückgrenzen. Zwischen den Stücken erklingen zudem Improvisationen. Gespielt werden von Ondřej Adámek Power of Flowers, von Ketan Bhatti Dance for Nerds (2025), von George Lewis Nomads (2025) und von Cymin Samawatie Revamp (2025). Aber, seriously, das Konzert kreist um sich selbst und bleibt über weite Strecken wenig genießbar. Zäh – zumindest am Radio – die Prozesse, ermüdend repetiert die solistischen Kostbarkeiten. Es gilt: Sexiness der Performance beats Einzelwerkwert. Welche Texte geflüstert, gesungen werden, was sie besagen? Die WDR-Moderation sagt: „schwellenüberschreitend, transtraditionell“. Die Leitung hat Cymin Samawatie.

Sonntag: Cassandra Miller, WDR

Das Porträtkonzert zu Cassandra Miller konnte ich noch nicht hören. Das Programm: Das Quatuor Bozzini spielt Leaving (2011), Life (2009), Warblework (2011–17) und Thanksong (2020). Die Sendung erfolgt offenbar kommenden Sonntag im WDR3 Studio Neue Musik.

So oder so, für das Finale in Witten sorgt das WDR-Orchester, Punkt 16 Uhr. So kann (fast) jeder noch entspannt nach Hause fahren. Es beginnt mit An acre ringing, still, komponiert von der Australierin Lisa Illean (2023, dtEA). Da wird Klangschicht an Klangschicht gelegt. Zart und durchscheinend. Das ist neoromantisch eingefärbt. Das Tempo? Gemächlich, fließend. Dauer knapp 19 Minuten. Nicht überall ist das gegen Blässlichkeit gefeit. Aber man spürt im Backspace des Stücks eine Geschichte. Im Zentrum des WDR-Abends steht aber das 21-minütige Cellokonzert (Quinta Materia) von Malika Kishino (2025, UA). Solist Nicolas Altstaedt antwortet den scharfen Fragen des Orchesters mit züngelnd-sprühender Cello-Gestik. Was meist funktioniert. Denn hier bilden akribische Struktur und Temperament Form- und Erkenntnis-produzierende Kontrastpaare. Oder der Hörer darf das Spannungfeld zwischen schrillem Instrumentationswitz und solistischer Selbstbehauptung cool finden. Und so die uralte Konzert-Dynamik lustvoll am Laufen halten. Kritik: Wie figurative Wiederholungen expressiv aufgeladen werden, passt nicht immer.

Dann crashen die Komponistinnen Cassandra Miller und Silvia Tarozzi den Konzertnachmittag. Und zwar mit Bismillah meets the Creator in Springtime (2022, dtEA). Das Stück ist langatmig und formlos. Und es bleibt wenig hörenswert, vor allem wie Miller und Tarozzi Blubber-Landscapes aus Violin- und Vokalimpros über dem weitgehend passiven Orchester produzieren. Die Moderation konstatiert „ein faszinierendes Raumerlebnis“. Die Leitung hat Elena Schwarz.

Dennoch: Die Wittener Tage für neue Kammermusik (Programm hier nachzulesen) sind und bleiben eines der wichtigsten Neue-Musik-Festivals des deutschsprachigen Raums.