Gelungene Premiere einer schwierigen Oper.
Es gibt leichter konsumierbare, aber kaum verrücktere Opern als Die Ausflüge des Herrn Brouček von Leoš Janáček, die nun Premiere an der Staatsoper Berlin feiern. Als spektakuläre Folge von durch Alkoholgenuss initiierten Fantasiereisen ähnelt Janáčeks Textbuch den Contes d’Hoffmann von Offenbach. Und was Offenbach sein Dichter E.T.A. Hoffmann war, das ist Janáček sein griesgrämiger Rentier Brouček. Denn der reist dank zahlloser konsumierter tschechischer Biere von Prag aus zuerst auf den Mond und dann ins Mittelalter der Religionskriege.

Doch so turbulent und verrückt die Handlung ist, so unkonventionell ist der Rest: Auf altbewährte Tricks für zündende Libretti verzichtet Janáček.
Es gibt weder eine Love Story noch das prickelnde Hochspannung garantierende Sopran-Tenor-Bariton-Dreieck. Auch von üblichen handlungstreibenden Affekten wie Liebe, Hass, Rache will Janáček nichts wissen. So liegen Die Ausflüge des Herrn Brouček irgendwo zwischen Künstlersatire und kafkaesker Liebeserklärung an Prag. Kann man schon verstehen, dass die Oper nicht zu den meistgespielten zählt.
Dafür ist die Musik ein Traum, denn was der geniale Tscheche komponierte, klingt zugleich herrlich unkonventionell und süffig, in einem Takt oft brillant intelligent und wundervoll sentimental. Uraufführung war 1920. Und Simon Rattle dirigiert das am Pult der Staatskapelle überzeugend: warm und blühend, mitfühlend und gestensatt, mit weicher Präzision und, wo nötig, jubelndem Hochgefühl.

Robert Carsen inszeniert diese Nicht-Oper als tschechische Geschichts-Revue vom Ende der 1960er. Das ist lustig. Reicht aber nicht ganz. Die ersten Menschen auf dem Mond waren nicht Neil Armstrong und Buzz Aldrin, sondern Prager Kneipiers. Man sieht jede Menge TV-Bilder, Prager Frühling, Woodstock, Eishockey ČSSR-UdSSR. Ist man hier bei BBC History oder doch bei Terra X History? Das bleibt einfach ziemlich vorhersehbar (Video Dominik Žižka). Auch die hopsenden Choreos auf dem Mond sind ausbaufähig (Choreographie Rebecca Howell).

Gesungen wird diese gewiss schwer zu singende Fantasiereise, die zugleich auch eine satirische Nationaloper sein will, im Janáček-typischen Silben-Karate. Beweglich und rollendeckend agiert als Titel-Antiheld Brouček der Bariton Peter Hoare. Die weiteren Tenor-, Sopran- und Baritonakteure singen mehrere Rollen (wie bei Offenbachs Hoffmann): energisch schlank Aleš Briscein, durchsetzungsfähig Lucy Crowe, baritonal kraftvoll Gyula Orendt bzw Carles Pachon und Arttu Kataja. Auch gut Natalia Skrycka und Clara Nadeshdin. Gut der Staatsopernchor, hervorragend die Staatskapelle.
Viel Jubel für Regieteam, Musiker und Sänger.
Weitere Kritik: „Bejubelt“ (Volker Blech)
der Prinz vom Dienst ist Pavel Cernoch, hier wars kürzlich Pavol Breslik, auch gut. Beide vereint, daß sie tschechisch können und deshalb das Gefühl treffen.
Oder man macht die Opern gleich auf Deutsch, zum Beispiel in den Übersetzungen von Kurt Honolka. In München und Berlin gings immer. Und kam an.
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Tschechen spielen Goldberg :
Alle von der Tschechischen Philharmonie, nur der Fagottist ist bei den Berliner Philharmonikern
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Hab ich heute gesehn im Pianosalon Christophori. Wunderbar. Wie die Musiker sich freuten. „Ab Variation 28 werden Sie wollen, dass es nie wieder aufhört“, sagte der Fagottist am Anfang zum Publikum. Und so ist es.
Muss mir jetzt mal im Detail die Aufnahme anhören; da hört man Sachen, vor allem wie die einzelnen Stimmen so verlaufen, über die man sonst einfach hinwegspielt, weil alles halt mal da so steht. Hier werden sie hörbar, weil auf 4 Instrumente mit verschiedenen Klangfarben verteilt.
Nichts davon steht in der Musikwissenschaft.
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Sonst bleibt mir nur die Sache Makropoulos im Gedächtnis, aber nur wegen der schrägen Story. Musikalisch sind die Opern Moderne, die nicht auf der Suche nach Schönheit ist, sondern davon weg will.
Da braucht man viel Bier, um sich zu befreien.
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Finde bei Jenufa und Katja Kabanova immer, dass das Verismo/Fin de siècle ist, der an die italienischen/französischen Vorbilder (Puccini, Mascagni, Massenet…) nicht rankommt. Bei Broucek und Makropoulos ist die Musik jeweils exzellent bis ins letzte Detail, aber von der Story her schwierig. Ich geh noch mal rein, weil die Rattle-Janaceks ohne Rattle immer was von ihrem Zauber verlieren.
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Letztens hörte ich ein paar Klavierstücke von Janacek „Im Nebel“. Das war eigentlich das erste Mal, daß mir dessen Musik irgendwas gesagt hat.
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Warum nun macht Rattle den ganzen Janacek? Weil er eine tschechische Frau hat. Wenn man einmal von dem Gefühl gekostet hat, will man es nie mehr missen.
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Hier sagt er : it’s completely nuts. But I have a Czech family and so I hear it every day.
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