Und hier sind drei Berichte zu UNERHÖRTER MUSIK im Kreuzberger BKA-Theater – zwei Berichte sind älter, der hier ist neu: Die Duo-Formation Susanne Stock (Akkordeon) und Georg Wettin (Klarinetten) widmet sich Stücken von J. Klein, Schlünz, Schweitzer, Cardew und S. Streich.
Warmlaufen tut sich das Duo Stock/Wettin mit Kanten, Konturen von Benjamin Schweitzer (2018). Kanten/Konturen formuliert abgeklärte Ereignisabläufe von erzählerisch schildernder Eigenart, wagt aber auch expressive Akzente bis hin zu Stellen gestischer Verrätselung. Also fließende Klanglandschaften mit kleinen, aber feinen Aufregern. Alles in allem unaufgeregt gute Musik. Statischer erscheint von Juliane Klein Aus der Wand die Rinne Nr. 4 für Akkordeon solo (1998), so da atomistisch Aktionen ohne Bewegungskern aneinanderreiht werden, selbst der mit der schnarrenden Toncharakteristik des Akkordeons spielende Humor macht die Komposition nicht unterhaltsamer.
Duo Stock/Wettin
Das ist bei dem Solostück Hortensien von Annette Schlünz anders (2002, Georg Wettin an den Klarinetten). Hier wird, umflossen von einer Geräusch-Folie aus dem Computer, mehr Fantasie-Raum gewagt, wenn die Musik quasi gestisch assoziativ sich dem Stücknamen Hortensien annähert. Noch eine Schippe drauf legt Solo with Accompaniment von Cornelius Cardew (1964), das mit massiven Akkordeon-Layern beginnt und der Duo-Konstellation rohe, aber immer wieder auch organisiert-differenzierte Klänge entlockt. Danach werden in Clouds 8 von Stefan Streich (2016) Sparsamkeit der Artikulation und Länge des Stücks spannungsvoll aufeinander bezogen – was plötzlich wie unablässig wechselnde Hintergründe wirkt, die sich in Vordergrund verwandeln und wieder zurück. Entspannt aufregend.
Beim Duo2KW – das Konzert fand schon 2024 statt – wird auch doppelt, nämlich im Duo, gespielt. Klaus-Peter Werani, Bratscher im BRSO, und Akkordeonist Kai Wangler treten in floralfroh gemusterten Hemden auf und präsentieren Stücke von Prins, Kalitzke, Mochizuki, Pfeifer – und Werani. Das Programm ist typisch für Unerhörte Musik, es ist sorgfältig kuratiert, und es wird konzentriert interpretiert. Und es bringt unbekannte Werke.
Noch mehr Duo: Duo2KW
So stammt Intermezzo V von der in Berlin noch nicht allzu bekannten, aber nun bei Ultraschall 2025 vertretenen Japanerin Misato Mochizuki (2013). Das Werklein kreist anfangs nervös um sich selbst, findet dann zu einer Weitläufigkeit sich verschiebender Reibungsflächen, um sanft mikromotivisch auszufließen. Demgegenüber ist Die unsichtbare Frau von Roman Pfeifer (2009) auf kleineren Einheiten aufgebaut, man könnte auch sagen auf stets neu ansetzenden, gestisch geprägten Einheiten. Das ist durchaus dornenreiches Hörgut, zwingend zwar im Ablauf, doch eher ein additves Nacheinander als ein klingendes Miteinander. Dennoch ist Die unsichtbare Frau erstaunlich gut hörbar. Weil sauber gemacht. Und doch mehr die Freuden der Frickelei als das Pathos der Poesie suchend.
Schattenraum von KP Werani, dem Bratscher des heutigen Abends, (2017) gebärdet sich bratschenrau, atmosphärisch intensiv und immer wieder von signifikant erhöhter Ballungsdichte. Der Komponist spart nicht an Tremoli und Glissandi. Solide. Eine Aura minimalistischer Ereignisse umgibt das Stück Erosie von Stefan Prins (2005, 17′). Aber Aura allein macht den Neue-Musik-Braten nicht fett. Erosie bleibt eine statische Angelegenheit mit Längen, die überdies irgendwie verdruckst tönt. Auch gefühlstemperaturmäßig ist man näher, nur mal so gesagt, an Turku als an Tel Aviv. Etwas altmodischer klingt Messerschmidt (2019) von Johannes Kalitzke, das insgesamt einer expressiven Gestik vertraut. Aber deshalb ist Kalitzkes Werk nicht unerheblicher, es gestattet der Bratsche sogar kantable Durchblicke.
Falten, vertikal, failen: Kairos Quartett
Zwei Wochen später gastiert das Kairos Quartett bei UNERHÖRTER MUSIK, das nun nicht nur Unbekanntes bis Wenig Bekanntes, sondern auch Iannotta und Verunelli im Gepäck hat.
Von der Slowenin Larisa Vrhunc stammt das erste Werk, Vertical Concerto grosso von 2015, ein Auftragswerk für die just heute interpretierende Quartettformation. Gar nicht schlecht, wie es zu liniengespinsthaften Erregungszuständen kommt, die Musiker zarte Ballungsnuancen generieren. Trotzdem sind die Details scharf gesehen. Erwartbar Concerto-typisch stehen daneben fast tänzerisch bewegte Passagen.
Weniger schwebend, dafür raumgreifender und hörbar in Abschnitte gegliedert, tönt Unfolding II von Francesca Verunelli (2012/2021). Es ist das heute längste Stück im BKA-Theater. Das im Titel versprochene Entfalten des musikalischen Geschehens führt zu einer kauzigen Kalligraphie von Mini-Ereignissen, wobei der Ton freundlich bis versponnen bleibt – hier zarte Attacken, dort Schemen von repititiver oder tremolierender, meist figurativ bewegter Motivik. Das Stück klingt mit feingliedriger Hektik aus.
Clara Iannottas A Failed Entertainment (2013), das in Berlin schon bei Ultraschall vom Jack Quartet zu hören war, gibt sich Faktur-seitig lockerer, die Tonproduktion wird durch Spieltechniken und Äußerungen der Spieler dezent erweitert. Iannottas Zugriff wirkt poetischer, bisweilen fast mikroskopisch, dadurch aber auch bedrohter von Detailfitzeligkeit. Ironie mag A Failed Entertainment nicht fremd sein. Iannottas Musik bewährt sich aber in den konkretklanglich haptischen Klangverspannungen, die wie Klangpattex am Zeitstrom anhaften. Das schnörkellos Streichquartett betitelte Werk der in Köln lebenden Dirigentin und Komponistin Jieun Jun ist stärker an „klassischen“ Motivkernen entlang komponiert (2013). Es wird dadurch hörbarer, aber auch zahmer, die Dissonanzen wirken liebenswürdig, die Gestik aus zweiter Hand. Also OK, aber alles andere als weltbewegend.
Dennoch ist das ein gelungener Abend, dessen Qualität einerseits der Geschlossenheit des Programms zu danken ist, andererseits der quasi prähistorischen Form des Streichquartetts (heuer repräsentiert durch Simone Heilgendorff, Alexa Renger, Delia Ramos Rodríguez, Claudius von Wrochem), die zum ständigen Nachdenken über das Verhältnis von kollektivem Zusammenklang und Soloäußerung zwingt.
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der selige Morgentraum
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Aus die Birne
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Wenn ich das so draußen auf der Straße schmettern könnte !
Aber mein Sohn sagt, du mußt erst mal lernen schöne zu singen.
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Können Sie bitte das e rausnehmen ?
um ungedenk
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so
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