Was die Regie von Tscherniakow angeht, ist Götterdämmerung wohl der am wenigsten zwingende Teil der Tetralogie. Die Eber-Jagd des dritten Akts durch Firmensport zu ersetzen wirkt beliebig. Für die zentrale Waltrautenszene (Violeta Urmana mythisch gut) muss sich der Zuschauer mit statischem Sofasitzen begnügen, und die Szene, in der die Rheintöchter (geduldig streng mit Siegfried: Ekaterina Chayka-Rubinstein, Natalia Skrycka, Evelin Novak) den topfitten Siegfried einem Gesundheitscheck mit anschließender Lebensberatung unterziehen, hängt genauso in der Luft wie zuvor die Zusammenkunft der Nornen, wo die Nornen in Stützstrümpfen und eisgrauen Haartürmen trippeln.

Götterdämmerungsbesetzunglistenaushang

Vollends schreitet die Dekonstruktion der szenischen Requisiten fort, wenn Hagen (Stephen Milling: finstre Seele und wohltuend kantable Linie) Siegfried die Betriebssportfahnenstange in den Rücken jagt. Eindrucksvoll aber Johannes Martin Kränzle (ein Bariton-Gelingen sondergleichen) als altersnackter Alberich, als wär er ein Heiliger Hieronymus in der Wüste, und ergreifend ist nicht nur die Zusammenkunft der E.S.C.H.E.-Angestellten zu Siegfrieds Tod, sondern auch der befreiende Fingerschnipps, mit dem Brünnhilde zu den letzten Akkorden das unheilvolle Forschungsinstitut zu Nichts zerstäuben lässt.

Andreas Schager krönt seine außerordentliche Leistung zu den Festtagen 2024 mit einem Heldenporträt, das sangesfroh und burschikos wirkt, die Tenorstimme ist bravourös fest, dabei genügt sein Singen höchsten Ansprüchen. Anja Kampe ist die Brünnhilde der Herzen. Die Walküre ist bei ihr in menschelnden Sopranhänden. Kampes intensive lyrische Ausdeutung hat einiges für sich, Iréne Theorin hatte 2019 noch unter Barenboim die kräftigere Stimme. Als das Vorspiel läuft, bin ich persönlich zur besten Kaffee-und-Kuchen-Zeit innerlich noch nicht bereit für eines der pathetischsten Liebesduette.

Hervorragend besetzt ist der Gunther mit dem packend textgenauen Roman Trekel, Mandy Fredrich liefert glitzernd schlanke Sopranhöhen und hat – proaktiv turtelnd – einfach richtig Lust auf Siegfried, beide Gibichungen lässt Wagners Libretto nach Siegfrieds Tod sogar Mitleid-würdig werden, obwohl beide bedauernswerte Werkzeuge sind in Hagens Plan zur Zerstörung des weihvollen Paars Siegfried-Brünnhilde.

Philippe Jordan liefert am Pult der Staatskapelle Berlin zügige Aktschlüsse, einen die Szenen plausibel zusammenbindenden Spannungsbogen und lebhafte Zwischenspiele. Die Vielzahl der eingesetzten Leitmotive in Götterdämmerung führt auch aufgrund von Jordans Tempo, etwa während Brünnhildes Wüten in der Gibichungenhalle und dem folgenden Racheterzett, zu enormer polyphoner Dichte des symphonischen Orchesterstroms. Beeindruckend schließlich der Staatsopernchor in den Mannenchören.

Der zu Schluss eingeblendete Text Aus Wunschheim zieh ich fort ist jener der von Schopenhauer beeinflussten, von Wagner schließlich verworfenen Fassung von Brünnhildes Schlussworten von 1856.

Dirigierpult mit Osterhasen

Vollends aber ist zu loben, dass die Berliner Neu-Inszenierung von Der Ring des Nibelungen bis auf die kurzen Einspieler während der Vorspiele auf Videos verzichtet.

Kampe endet im Applaussturm, auch für die anderen gibt es viel Beifall.