Die „Märchenoper“ Siegfried (Dahlhaus) scheint, was Handlung und Personal angeht, spröder als Walküre oder Götterdämmerung. Siegfried, das Musikdrama, ist mehr Märchen als Drama. Zwei Sphären bestimmen die Oper, Menschenwelt und Mythos. Die Zukunft gehört ersterer: Siegfried tötet den letzten der Riesen und jenen Zwerg, der seiner Wälsungenmutter rettendes Obdach gewährte.
Anja Kampe singt die Siegfried-Brünnhilde mit Wärme und Elastizität und klingt souveräner als zur Premiere, Kampe scheint genau zu wissen, was sie kann. Zu den glanzvollen Akkorden der Weltbegrüssung (Wolzogen, 1878) von Heil dir, Licht vernimmt man nun sogar eine erste zarte Spur von genuinem Pathos. Den Oktavsprung auf das hohe C auf Leuchtend aus O Siegfried! Leuchtender Spross bekommen live nur wenige so gut hin wie Kampe in der Staatsoper Berlin 2024.
Die Regiearbeit der Neuinszenierung von 2022 überzeugt immer noch. Die Schlussszene spielt mit dem prasselnden Pathos des Liebes“duetts“, das bei Tscherniakow ein Lachduett wird, wodurch die Sänger den hohen Ton brechen, weil sie sich ihm – als Bühnenfiguren wohlgemerkt – nicht mehr gewachsen fühlen. Dadurch aber wird ihr Lachen zu einer Geste befreienden Eingestehens, was ihrer Annäherung plötzlich eine neue Echtheit des Gefühls zukommen lässt. Kennzeichnend für die Qualität der Inszenierung ist nicht nur, dass Anja Kampe und Andreas Schager dies mitreißend darstellen, sondern dass der Regisseur hier zudem wörtlich dem Textbuch folgt. Brünnhilde singt: Lachend muss ich dich lieben… lachend zu Grunde geh’n.

Andreas Schager spielt den Siegfried glänzend. Zugleich scheint er sängerisch auf der Höhe seines Könnens. Der Klang ist schwerer geworden. Die Höhe klingt stets mühelos. Beeindruckend ist, dass Schagers Singen jederzeit spontan klingt. Als übertrüge er einfach – nichts schwerer als das – die natürliche Rede in Gesang. Womöglich helfen die Anfänge als Operettensänger. Neben Schager klingen (bzw. klangen) Stephen Gould bieder und Stefan Vinke fantasielos.
Wotan ist in Siegfried als Wanderer „aus dem Aktionszusammenhang ausgeschieden“ (Adorno). Seine Plaudereien mit Mime (die „Wissenswette“), mit Alberich, Fafner, Erda (Weiche, Wotan) und Siegfried können den Ablauf der Siegfriedgeschichte, aus der in der Götterdämmerung die Siegfriedtragödie wird, nicht aufhalten. In der Zankszene zwischen Alberich (Johannes Martin Kränzle) und Mime (Stephan Rügamer) und in Alberichs Gespräch mit Wotan (Tomasz Konieczny, mit hart schallendem Bassbariton) treffen jeweils tattrige Pensionäre aufeinander – was angesichts der Rolle, die Alberich als Drahtzieher der sinistren Hagenintrige in der Götterdämmerung noch zukommt, unpassend erscheint.

Erfrischend wiederum wirkt aber, wenn die neuen Führungskader des Instituts von Ex-Chef Wotan, der zum Treffen mit Erda (Anna Kissjudit) schlurft, keine Notiz mehr nehmen. Und bei diesem Treffen bewahrt interessanterweise Kissjudits großartig statuarische Erscheinung der Urmutterfigur doch noch einen Rest von Mythischem. Ebendieses Mythische will die Inszenierung der zartblau gewandeten Ex-Sekretärin eigentlich nicht mehr zubilligen. Andere Einfälle wirken dekorativ: So wenn Wotan seinen Speer selbst zerbricht. Köstlich freilich, wenn aus dem Rücken des toten Fafner (ein verwahrloster Hüne in Zwangsjacke, packend Peter Rose) das Schwert Siegfrieds sich löst und Schager es unter dem Lachen des Saals wieder zurücksteckt.
Jordan am Pult der Staatskapelle gefällt mir bei Siegfried besser.
Ich kann mich täuschen, fand aber immer, um hier eine seit längerem schon angehende Diskussion wieder aufzunehmen, dass an der SO meist etwas mehr auf einigermaßen textfreundliche und mit dem Deutschen vertraute Interpreten bei Wagner und Strauss geachtet worden war als an der Bismarckstraße oder auch in Bayreuth. Man hat und hatte hier W. Meier, Herlitzius, Pape, Seiffert und jetzt Volle, Schager, Kampe oder eben „deutsch-nahe“ Skandinavier wie Theorin. Natürlich gab es am Schillertheater auch ein russisch klingendes Rheintöchtertrio oder einen Kowaljow als Wotan oder den 2013 offenbar unvermeidlichen Ryan. Aber Leute mit hörbar angelsächsichem Deutsch wie Catherine Foster oder jetzt Iain Paterson oder Derek Welton gab es Unter den Linden doch eher nicht.
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Vorbildlich in dieser Beziehung ist auch München, wo die Walküre etwa während der letzten Aufführungen so besetzt wurde: Brünnhilde P. Lang/Sieglinde Kampe/Siegmund Kaufmann oder Vogt/Wotan Mayer oder Koch/Fricka Daniela Sindram
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Bei den melancholisch stimmenden Abschiedsvorstellungen des Götz-Friedrich-Rings an der DOB 2017 waren Derek Welton, Iain Paterson und Samuel Youn als Wotan zu hören, was ich persönlich als leicht unbefriedigend in Erinnerung habe. Für den nun angesetzten Ring an der DO sind Paterson und Welton vorgesehen.
https://deutscheoperberlin.de/de_DE/zyklus-1-kalendarium
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Musikalisch ist dieser Ring einfach wunderbar, szenisch leider ungenießbar. Ihrem Lob auf Schager stimme ich vollumfänglich zu. Als Dirigent ist mir nach wie vor Thielemann lieber, kann aber auch mit Jordan gut leben vor allem, da das Orchester alles gibt.
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