Antrittskonzert des Japaners Kazuki Yamada, als Dirigent schon in leitender Stellung in Genf, Monte Carlo und Birmingham (noch amtierend) tätig.
Nett: The Unanswered Question von Charles Ives ist der ironische Gruß an jene, die heute schon alle Fragen zum neuen Chefdirigenten beantwortet haben wollen. Dann kommt das etwas zu selten gespielte Klavierkonzert von Edvard Grieg mit Alice Sara Ott. Die spielt das nicht so skrupulös lyrisch wie Zimerman und nicht so gustos pastos wie Kissin (Rattle, Berliner), dafür lebhaft Tempo-wechselnd und mit demonstrativen Akzenten (in der ersten Spielepisode, noch besser in der Reprise). Gut die forschen Vorschläge beim ausdrucksvollen Seitenthema, das dann aber etwas „obenhin“ klingt. Manches gerät gewollt harsch.
Das Griegkonzert ist das Griegkonzert: Die Durchführung wirkt nun mal simpel, der Reprisenbeginn hasenfüßig, fast als müsste man für die „eigentliche“ Wiederkehr des Themas bis zur Kadenz warten. Der Vorwurf der Schumann-Nähe geht ins Leere, es handelt sich um mitreißende Schumann-Nachfolge. Mega das Horn im zweiten Satz, das klingt bei der Rückleitung zum wunderlichen Hauptgedanken der Solistin nicht so Wohllaut-voll, wie es bei den Berlinern klänge, dafür mit mehr Sinn für die Architektur der Phrase. Der dritte Satz: Das Flötenthema wird als quasi artfremdes Andante etwas überambitioniert in die Allegro-Umgebung gesetzt, um zuletzt, Liszt-isch und apotheotisch, die Coda zu beherrschen. Dennoch ist es wundervoll, den Grieg mit Alice Sara Ott in einem Antrittskonzert zu hören.
Nicht hörenswert von Anna Clyne Woman of the Mountain, zumindest für jemanden, der irische Folklore langweilig findet. Enno Poppe, komponieren Sie für Donaueschingen die Tondichtung „Oberbayern“ mit den Sätzen „Neuschwanstein“, „Der Kini in Linderhof“ und „Abendstimmung in Herrenchiemsee“. La Mer von Debussy klingt gut, verbindet exzellente Routine mit Neugier, hat wie der Grieg bedachtvoll gedrosseltes Tempo. Der hektische Geschwindstil von Ticciati, der bei Beethoven-Andantes fast schon nervtötend und bei Beethoven-Allegros so mitreißend sein konnte, wird beim DSO wohl einem gerundeteren Musizieren weichen. Zudem gelingt der Debussy Kazuki Yamada weit besser als der ziemlich neutrale Schumann im Frühling. Man darf gute Zusammenarbeit wünschen.
Was auffällt: Beim DSO setzt man 2026/27 auf kleinteilig programmierte Orchesterkonzerte. Vier Werke sind eher die Regel als die Ausnahme, mit Rede ist man dann bei fünf Programmpunkten. Ein move, um die Aufmerksamkeitsspanne der Generation Hafermilch nicht überzustrapazieren? Repertoire-Hits kommen gern in Begleitung. Vor Beethovens Fünfter hört man Puppenspiel, vor Bruckners Siebter Filmmusik, vor Mahlers Zweiter eine Rede. Die Wiederkehr der Anstandsdame unter dem Deckmantel der Programmvielfalt? Ziemlich schief formuliert, aber Sie wissen, was gemeint ist.
Eine Rede hört man heute auch. Maja Göpel spricht, gewiss ehrenwert, gewiss gutmeinend, von Beifall unterbrochen. Was die Politisierung bzw. Ver-Debattisierung des Klassikbetriebs angeht, ist das DSO schon seit Längerem vorne mit dabei. Als selbsternanntes Orchester für Demokratie propagiert man seine Überzeugungen, und signalisiert ganz nebenbei fast jedem zweiten Brandenburger: keep off, deine Werte passen nicht zu uns. Wer hier für Remigration wäre, würde vermutlich vom Saalpersonal entfernt werden. Hmm, einfach mal Musik machen?
Grenzwertiges auch im Programmheft. Wer sind die „zweitrangigen Interpreten“, die Griegs Konzert – hässliches Wort – „abnutzten“? Firkušný? Bella Davidovich? Stephen Hough? Welches ist die von La Mer in die Schranken gewiesene Musik „des selbstgefälligen Stillstands“, die „an überlieferten Schemata Maß nimmt“? Humperdinck? Saint-Saëns? Reger?
Dennoch, ein guter Start, wenn man von Anna Clyne absieht.
Die einzige Rede bei Konzerten, die Spaß gemacht hat, war die von Chialo Unter den Linden, als er „Schönberg“ meinte und, als echter Wahl-Berliner, der er ist, „Schöneberg“ sagte.
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