Hundings Haus als Habitat vermeintlich finsterer Bayern-Trottel: Da ist der Jägerzaun, da ist der Zierbriefkasten vor Grobputzmauer, da ist das germanisch bestückte Hausaltärchen, SUV steht hinterm Haus (Bühne: Rainer Sellmaier). Hunding kehrt mit erlegtem Wolf über der Schulter heim. Tobias Kratzer inszeniert Die Walküre an der bayerischen Staatsoper als furioses Finale dahoam. Wenn auch ironisch aufgelockert. Und mit dem typischen Kratzer-Humor, der freilich, wie schon erlebt, nach der dritten Vorstellung gern mal nur noch halb zündet. Es sprengen die Walküren als Pferdestaffel durch den Hofgarten, ja, OK. Schon wieder ein Auto auf der Bühne, ja, OK. Walhall liegt mitten in der Staatsoper, ja mei. Die Münchner Walküre scheint alles in allem weniger schlüssig zu sein als Kratzers Rheingold.
Zu den Sängern.
Beim inzestwonnigen Wälsungenpaar – die haben früher auch schon miteinander, sagt uns Kratzer – hört man mehr Richtigsingenwollen als Richtigsingen. Sieglinde Irene Roberts (züchtig kariert das Kleid, Reif im Haar) stellt ihre Mezzotiefe aus. Siegmund Joachim Bäckström (ein hero im Loser-Outfit des blutverschmierten Unterhemds, mit Wolfstattoo) tönt wie ein college student. Beide klingen beflissen. Die US-Amerikanerin hat Farbe, aber ein gewisses Vibrato. Der Schwede hat Timbre, aber leicht meckrig. Gut gelingen ihm Emphase und Ton der Klage in Um des Mordes der eign’nen Brüder/klagte die unsel’ge Braut. Die Vaterrufe tönen indes: Wööölse. Die Winterstürme kommen proper, aber null sexy, als wäre Siegmund Dozent im undergrad-Seminar. Peter Seiffert konnte den 2.-Akt-Siegmund ohne peinliches Pathos singen. Bäckström kann es nicht. Und Roberts? Ist in der Höhe umso souveräner, je unverständlicher sie wird. Wenn sie in Fahrt ist, etwa bei Hell wie der Tag/taucht es mir auf, fiebert man mit. Später nimmt man Roberts die Sieglinde nicht mehr ganz ab.
Ich höre die Live-Übertragung auf BR Klassik. Deswegen geht es hier mehr um Stimmen und weniger um Kritik an der Inszenierung.
Hunding singt Ain Anger, dessen Bass altersübliche Gebrauchsspuren zeigt. Doch der Este klingt, anders als die geschwisterlichen Ehebrecher, nicht nach Generalprobe. Er ballt den Hunding zur düsteren Figur. Je mehr Walküren man hört, umso mehr wächst einem dieser Hunding-Trottel – der doch stets exzellent gesungen wird, von Kares, Pape, Anger oder Kehrer – ans Herz. Nicht koscher dann aber der Wotan des Nicholas Brownlee (klassisch mit beflügeltem Helm, unkleidsam der Rock, Kostüme: Sellmaier), trotz Volumen, trotz Temperament und einer vokalen Autorität, die an Konieczny erinnert. Gut ist der US-Amerikaner Brownlee im Beef mit der Gattin, eher mau in den Brünnhild-Dialogen, wo der Ausdruck oft markiert wird. Da bleibt viel Klang in der Luft hängen, wie nicht abgeholt.
Ähnlich glücklos die Brünnhilde von Miina-Liisa Värelä (auch mit Helm, aber unbeflügelt). Die Stimme ist eine Mischung aus Kernseife und Portwein. Vokal imposant, guttural bis zum Pelzigen. Das Deutsch ist schlecht. Siegmund, sieh auf mich: Ehrlich, klingt so eine Todesverkündigung? So verorgelt, so die Tonhöhe angleitend. Dazu provinzielles Pathos. Heulig Wer diese Liebe mir. Da fällt Kritik leicht.
In diesem Umfeld ist man dankbar über die Fricka-Vibes, die Ekaterina Gubanowa, die zuverlässigste Akteurin des Abends, in die Münchner Oper sendet.
Dirigiert wird auch. Wladimir Jurowski fokussiert Herzeleid und -pein. Es wird breit phrasiert. An alter Petrenko-Stätte dirigiert Jurowski dezidiert anti-Petrenko. Jurowski macht das mitunter zu unartikuliert, mit wenig Stimmenklarheit, man wünscht mehr Initiative. Dafür schallt das Bayerische Staatsorchester nie selbstverliebt, und schön wuchtig, wie im Peak nach Leb wohl. Butterweich das Blech bein allerersten Walhallmotiv, aber nicht ganz präzise. Das Dirigat scheint zudem nicht genuin dramatisch. Der Walkürenritt klingt nach Emilie Mayer, der Schluss nach Alpensinfonie.
Viel Jubel beim Schlussapplaus, offenbar gar keine Buhs für das Regieteam um Tobias Kratzer.
Weitere Premierenkritik:
„Es ist ja nicht nur lustig“ (BR Klassik, Audio)
„Das ist ziemlich fulminant gemacht“ (Markus Thiels hübsche Ad-hoc-Kritik mit kariertem Einstecktuch)
Hab kürzlich eine tolle Hochschulaufführung vom Falstaff gesehn :
https://www.udk-berlin.de/veranstaltung/falstaff/
Eigentlich fast unglaublich, daß man sowas mit jungen Leuten zwischen 23 und 27 auf die Beine stellen kann. Aber es unterstreicht die Qualität der UdK. Das hatte alles einen Schwung und ein Leben, das sonst nur die großen Dirigenten am Ende ihrer Karriere erreichen. Und den Bauch durch die Gegend schaukeln wie weiland Bernd Weikl in München tat keiner der Studenten und auch keins der Ensembles ging daneben wie damals die Fuge…
Natürlich war nicht alles ganz perfekt, will sagen, es gab ein paar winzige Fehler, aber was will man erwarten von Leuten, die zum Teil um ersten Mal auf einer Opernbühne stehen und dann gleich sowas singen können ?
Am Schluß sang der Falstaff : „un corno e terminiam la scena“, nachdem es vorher immer auch szenisch um die Hörner ging. War das beabsichtigt ? Auch Götz Friedrich hat schonmal den Text leicht verändert…
LikeLike
Der hier singt mit Andras Schiff am Klavier im Dezember die schöne Müllerin im Boulez-Saal :
Ich bin ziemlich sicher, das ist besser, als Kaufmann/Buchbinder im Musikverein. Vediam…
LikeLike
Im Dezember spielt eine Elevin von Andras Schiff hier im Boulez-Saal dasselbe Programm wie er kürzlich auf dem Bachfest in Leipzig im Gewandhaus :
https://www.boulezsaal.de/de/event/schaghajegh-nosrati-769739
Eigentlich hatte sie nur die Goldberg-Variationen allein angekündigt, was eigentlich für ein Programm reichen würde, aber nachdem ihr Meister in Leipzig Clavierübung 2 und 4 an einem Nachmittag spielte, dachte sie sich : das kann ich auch.
Deshalb hat er sie ja auch engagiert, um die auf einem Klavier unspielbaren Teile der Kunst der Fuge mit ihm auf zweien zu spielen. Die sie selber schon lange vor ihm im Konzert gespielt hatte.
LikeLike
Meine Frau hat die Schaghajegh Nosrati schonmal vor Jahren im Pianosalon Christophori gesehen, der für so manche Entdeckung gut war. Da sprang sie auf die Bühne und sagte : Bach ist für mich der Größte, findet Ihr das auch ? Dann spiel ich Euch jetzt was. Und dann kamen die Englischen oder Französischen Suiten, das wußte sie nicht mehr so genau.
LikeLike
LikeLike
München ist weit. Aber die Entführung soll zumindest musikalisch gut sein. etwas verhunzt durch einen expandierten Bassa Selim, der aber auch auf Zurufe aus dem Publikum reagiert. Also warum nicht ?
LikeLike
Die Vorstellung kommt am 25. Juli auf 3sat. Dann kann man zur Not die hinzugefügten Teile wegzappen, weil man ohnehin nur das hören will, was man schon kennt, oder so…
LikeLike