Hundings Haus als Habitat vermeintlich finsterer Bayern-Trottel: Da ist die Holzverkleidung mit Schutzlasur, eine Alarmanlage, ein vorbildlich germanisch bestückter Wohnzimmeraltar. Tobias Kratzer inszeniert Die Walküre als furioses Finale dahoam. Wenn auch ironisch aufgelockert. Und mit dem typischen Kratzer-Humor, der freilich, wie schon in Berlin erlebt, nach der dritten Vorstellung gerne mal nur noch halb zündet. Es reiten die Walküren durch den Hofgarten, ja, OK. Der Walkürenfelsen ist die Bayerische Staatsoper, ja, OK. Und Videos gibts zu Genüge, OK, geht so. Die Münchner Walküre scheint alles in allem weniger schlüssig zu sein als Kratzers Rheingold.
Zu den Sängern.
Beim inzestwonnigen Wälsungenpaar hört man mehr Richtigsingenwollen als Richtigsingen. Irene Roberts (Sieglinde, US-Amerikanerin) stellt ihre Mezzotiefe aus. Joachim Bäckström (Siegmund, Schwede) hat die Aura eines college student. Beide klingen beflissen. Roberts hat Farbe, aber ein gewisses Vibrato. Bäckström hat Timbre, aber leicht meckrig. Am besten gelingen ihm Emphase und Ton der Klage in Um des Mordes der eign’nen Brüder/klagte die unsel’ge Braut. Die Wälserufe tönen: Wööölse. Die Winterstürme kommen proper, aber null sexy, als wäre Siegmund ein Dozent im undergrad-Seminar. Peter Seiffert konnte den 2.-Akt-Siegmund ohne peinliches Pathos singen. Bäckström kann es nicht. Und Roberts? Ist in der Höhe umso souveräner, je unverständlicher sie wird. Wenn sie in Fahrt ist, etwa bei Hell wie der Tag/taucht es mir auf, fiebert man mit. Später nimmt man Roberts die Sieglinde nicht mehr ab.
Ich höre die Live-Übertragung auf BR Klassik. Deswegen geht es hier mehr um die Stimmen und weniger um Kritik an der Inszenierung.
Hunding ist Ain Anger, dessen Bass altersübliche Gebrauchsspuren zeigt. Doch der Este ist einer der wenigen, die nicht nach Generalprobe klingen. Er ballt den Hunding zur düsteren Figur. Und es ist gut, nicht zum x-ten Mal Kares zu hören. Nicht koscher dann aber der Wotan des Nicholas Brownlee, trotz Volumen, trotz Temperament im Vortrag, trotz Konieczny-Autorität. Gut ist Brownlee im Beef mit der Gattin, eher mau in den Brünnhild-Dialogen, wo der Ausdruck oft markiert wird. Da bleibt viel Klang in der Luft hängen wie nicht abgeholt.
Ähnlich glücklos die Brünnhilde von Miina-Liisa Värelä. Die Stimme ist eine Mischung aus Kernseife und Portwein. Vokal imposant, guttural bis zum Pelzigen. Das Deutsch ist schlecht. Siegmund, sieh auf mich: ehrlich, klingt so eine Todesverkündigung? So verorgelt, so die Tonhöhe angleitend. Dazu provinzielles Pathos. Heulig Wer diese Liebe mir. Da fällt Kritik leicht.
In diesem Umfeld ist man dankbar über die Fricka-Vibes, die Ekaterina Gubanowa, die zuverlässigste Akteurin des Abends, in die Münchner Oper sendet.
Dirigiert wird auch noch. Wladimir Jurowski fokussiert Herzeleid und -pein. Es wird breit phrasiert. An alter Petrenko-Stätte dirigiert Jurowski dezidiert anti-Petrenko. Jurowski macht das mitunter unartikuliert, mit wenig Stimmenklarheit, auch wünsche ich mehr Initiative. Dafür schallt das Bayerische Staatsorchester nie selbstverliebt, und schön wuchtig, wie im Peak nach Leb wohl. Butterweich das Blech bein allerersten Walhallmotiv, aber nicht ganz präzise. Das Dirigat scheint zudem nicht genuin dramatisch. Der Walkürenritt klingt nach Emilie Mayer, der Schluss nach Alpensinfonie.
Weitere Premierenkritik, sobald erschienen: „Es ist ja nicht nur lustig“ (BR Klassik, Audio)